Lineamenta - Eine Forschungsdatenbank für Architekturzeichnungen

Wissenschaftlicher Hintergrund
Datenbanksystem
Graphikkomponenten
Überschneidungen
Erste Schritte
Arbeitsgruppe

 

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http://lineamenta.biblhertz.it

 

 

 "Tota res aedificatoria lineamentis et structura constituta est."

 (Leon Battista Alberti, De Re Aedificatoria, I, 1)

 

 

Wissenschaftlicher Hintergrund und Ziele

Die wissenschaftliche Betrachtung von Architekturzeichnungen ist in jüngerer Zeit um neue Facetten und Perspektiven ergänzt und erweitert worden: Eine Architekturzeichnung wird nicht mehr nur als Informationsquelle im Zusammenhang mit einem bestimmten Bauwerk oder Planungsprozess gesehen, sondern immer mehr auch als eigenständiges künstlerisches Objekt und als Mittel der Kommunikation. Seit längerem werden Fragen nach der Rolle der Zeichnung als Informationsmedium zwischen Architekten/Auftraggeber und Atelier/Baustelle oder nach der Entwicklung und Verbreitung von Darstellungsmethoden und -standards, Vermassungssystemen und ähnlichem formuliert; diese lassen sich aber erst dank der jüngsten technischen Entwicklung systematisch angehen.

Ziel des Projektes ist es, italienische Architekturzeichnungen (Skizzen, Werkpläne, Präsentationszeichnungen etc.) in Wort und Bild mit Hilfe einer Datenbank wissenschaftlich zu erfassen. Den Schwerpunkt bilden zunächst Architekturzeichnungen aus dem römischen und italienischen 17. und 18. Jahrhundert. Die Basis für diese übergreifende Arbeit bildet die bereits bestehende große Fotodokumentation von Architekturzeichnungen des 17.-18. Jahrhunderts, die in den 80er Jahren von Elisabeth Kieven an der Bibliotheca Hertziana (Fotothek) angelegt wurde. Allerdings sollen möglichst viele Zeichnungen neu digital fotografiert werden, so dass sie in einer dem Original vergleichbaren Qualität über die Datenbank studiert werden können. Neueste Scan- und Visualisierungstechniken erlauben seit kurzem die hochauflösende Digitalisierung auch sehr großer Zeichnungen bis über das Format DIN A0 hinaus und somit das Studium einer Fülle von wesentlichen Einzelinformationen, die manchmal selbst am Original nicht leicht zu erkennen sind. Spezielle Grafikserver können digitale Bilder in reduzierter Größe und interaktiv gewählte Ausschnitte via Netz zur Verfügung stellen. Ein objektorientierter Datenbank- und Webserver mit angebundener relationaler Datenbank wird die flexible Vernetzung der Bilddateien mit zusätzlichen Informationen, die Formulierung komplexer Abfragen und die Bearbeitung der Informationen mittels Webbrowser ermöglichen.

Als übergreifende Forschungsdatenbank zur Geschichte der italienischen Architekturzeichnungen soll Lineamenta über herkömmliche digitale und nicht-digitale Sammlungskataloge oder Werkverzeichnisse hinausgehen, indem Informationen zu Personen und Institutionen, zu Bauten, Projekten und anderen Repräsentationsformen sowie zu schriftlichen Quellen und der Sekundärliteratur mit den Zeichnungsdaten verknüpft werden. So werden sich Entstehungskontext sowie Rezeptions- und Forschungsgeschichte einzelner Blätter und ganzer Zeichnungsgruppen in einem Maß untersuchen lassen, das bislang nur mit großem Aufwand zu erreichen war. Die Datenbank soll heute in aller Welt verstreute Zeichnungen virtuell wieder zusammenführen; darüber hinaus wird ihre Struktur vielfältige und neue Einblicke in das erhaltene Quellenmaterial ermöglichen. So wird beispielsweise nach den Kriterien für den Aufbau und die Präsentation von Zeichnungssammlungen im 18. Jahrhundert oder nach der Bedeutung einzelner Zeichnungen in der akademischen Lehre gefragt werden können, ebenso wird es möglich sein, die personellen Beziehungen und den künstlerischen Austausch oder die Entwicklung formaler und technischer Traditionen zu rekonstruieren. Der Ertrag wird nicht zuletzt darin liegen, dass sich aus der somit entstandenen Übersicht neue Fragestellungen ergeben werden.

Der Aufbau der Datenbank soll in internationaler Kooperation erfolgen, wobei die Bibliotheca Hertziana wesentliche Anteile der technischen und wissenschaftlichen Ressourcen bereitstellen kann. Die Beiträge der kooperierenden Wissenschaftler, die von ihrem Arbeitsplatz aus online mit den beteiligten Kollegen an der Katalogisierung der Zeichnungen werden arbeiten können, bleiben namentlich gekennzeichnet und können über Kommentarfelder um weitere Informationen und divergierende Einschätzungen ergänzt werden. Für kooperierende Institute wird die Datenbank auch über das Internet konsultierbar sein. Für die Öffentlichkeit werden - in Absprache mit den jeweiligen Inhabern der Bildrechte - nur reduzierte Bilddateien zur Verfügung gestellt.

 

Datenbanksystem

Lineamenta basiert in der momentanen, vorläufigen Version auf dem freien Web Application Server ZOPE (Z Object Publishing Environment), welcher weitgehend in der objekt-orientierten Skriptsprache Python geschrieben und daher auf allen gängigen Betriebssystemplattformen einsetzbar ist. ZOPE enthält neben Web- und FTP-Server mit der ZODB (ZOPE Object Data-Base) eine eigene, ebenfalls objekt-orientierte Datenbank, sowie umfangreiche Möglichkeiten zur Benutzer- und Dokumentenverwaltung. ZOPE ist über ein Webinterface administrier- und benutzbar und kann durch Python-Skripten angepasst und erweitert werden. Durch die Synchronisationsfähigkeiten von ZOPE (mittels XML-RPC) ist es möglich, verschiedene Instanzen der Datenbank über das Internet miteinander zu verbinden und untereinander abzugleichen.

Die endgültige Version von Lineamenta wird auf einem XML-Schema beruhen, welches von ZOPEs XML-Parser eingelesen und interpretiert werden kann. Es soll zugleich zur Validierung und zum Ex- bzw. Import von Daten dienen. Zur Speicherung der Daten wird Lineamenta eine über ZOPE angebundene SQL-Datenbank (PostgreSQL) verwenden, um komplexe Abfragen zu erlauben sowie Erfassung und Speicherung der Daten voneinander zu trennen. Sämtliche Komponenten sind frei verfügbar und lassen sich internationalisieren, d.h. an unterschiedliche Sprachen anpassen.

Die Datenbank wird auf einer neuen, in Zusammenarbeit mit der Datenbank ArsRoma zur Malerei in Rom zwischen 1580-1630 durch die Bibliotheca Hertziana in Entwicklung befindlichen Software mit dem Namen ZUCCARO basieren. ZUCCARO (ZOPE–based Universally Configurable Classes for Academic Research Online) nutzt den freien Web-Applicationsserver ZOPE, um eine interaktive Benutzung der Datenbank über das Internet zu ermöglichen, sowie das ebenfalls freie relationale Datenbank-Management-System PostgreSQL. Die gesamte Datenbankstruktur wird in einem XML-Schema abgebildet, das zugleich zur Konfiguration und Anpassung der zugrundeliegenden Module an die Bedürfnisse anderer, ähnlich gelagerter Projekte genutzt werden kann. Die neue, flexible und in hohem Maß verallgemeinerbare Software soll es möglich machen, sehr komplexe Abfragen an das Datenmaterial heranzutragen, wie sie für Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler, Historiker und andere Geisteswissenschaftler notwendige, aber bisher nicht gewährleistete Voraussetzung einer produktiven Nutzung von Datenbanksystemen sind.

 

Graphikkomponenten

Mit einem hochauflösenden Großformatscanback "David" des Herstellers Anagramm können Architekturzeichnungen bis zu einer Größe von 1,50 x 1,20 m in so hoher Auflösung eingescannt werden (17400x14400 pixel = 251 Megapixel, Dateien bis 750 MB), dass die ganze Informationsdichte der Zeichnungen bis in die Papierstruktur hinein festgehalten wird. Das System aus Kamera und Laptop wird mit speziellen Lampen und einer Haftwand zur glaslosen Planlage der Zeichnungen ergänzt und kann sowohl im Haus als auch für den mobilen Einsatz angewendet werden.

Die Speicherung der durch die eingesetzte Scan-Technik erzeugten großen Bilddateien erfolgt außerhalb von ZOPE in dem von der Universität Bern und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin, entwickelten Graphikserver DIGILIB, der eine interaktive Arbeit mit großen Bilddateien und Ausschnitten daraus über ein Webinterface samt Zugangskontrolle erlaubt. DIGILIB erlaubt es nicht nur, die Scans in ihrer vollen Qualität und sekundenschnell via Internet der Fachwelt zur Verfügung zu stellen, sondern bietet darüber hinaus einige tools zum Studium der eingescannten Zeichnungen am Bildschirm.

 

Überschneidungen mit anderen Projekten der Bibliotheca Hertziana

Die Datenbank Lineamenta bildet den wesentlichen Anteil der Bibliotheca Hertziana an ECHO (European Cultural Heritage Online - http://echo.mpiwg-berlin.mpg.de), einem EU-finanzierten Projekt, das von dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, dem Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen und der Bibliotheca Hertziana initiiert wurde. Ziel von ECHO ist es, über das Internet einen komplexen, interdisziplinären Zugang zum europäischen Kulturerbe zu bieten. Im Rahmen von ECHO werden u.a. der Graphikserver DIGILIB und seine tools mit aktiver Anteilnahme der Bibliotheca Hertziana weiterentwickelt.

In Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin wurde auch das interdisziplinäre Forschungsprojekt Wissensgeschichte der Architektur gestartet, das der Frage nach der Tradierung von handwerklich-technischem und künstlerischem Wissen in Theorie und Praxis der Architektur gewidmet ist. Da neben Schriftquellen Architekturzeichnungen zu den entscheidenden Quellen für eine "Wissensgeschichte der Architektur" gehören, überschneidet sich Lineamenta erheblich auch mit diesem Projekt.

Die an der Bibliotheca Hertziana seit längerem geplante Datenbank der historischen Rompläne (die momentan in einem vorläufigen Arbeitskatalog besteht) soll in Zukunft Teil von Lineamenta und auch über den Graphikserver DIGILIB gesteuert werden. Die Konsultation von Architekturzeichnungen soll damit mit Visualisierungen auf den historischen Stadtplänen direkt verbunden werden. An diesem Projekt und im Rahmen von ECHO nehmen das Istituto Nazionale per la Grafica in Rom und das Zentrum CROMA für das Studium der Stadt Rom teil.

 

Erste Schritte

Während die voll funktionsfähige Version von Lineamenta sich in Bearbeitung befindet, wurde mit der Erfassung von Zeichnungen in einer vorläufigen Version begonnen, die noch nur eine einfache Suchabfrage bietet, aber die strukturierte Speicherung von Daten schon ermöglicht.

In dieser Pilotphase wurden zunächst Zeichnungen aus der Accademia di San Luca in Rom sowie dem Archiv des Barnabitenordens in Mailand eingescannt und katalogisiert. Aus der Collezione Lanciani in Rom (Biblioteca di Archeologia e Storia dell’Arte) wurden 151 Architekturzeichnungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert in die Datenbank zunächst ohne Digitalisierung der Blätter aufgenommen. Diese Sammlung bietet ein gutes Zeugnis der Vielfältigkeit des Architektenberufs im 18. Jh. und der etablierten Formen der Architekturdarstellung in der kanonisch gewordenen Folge von Grundriss, Aufriss und Schnitt.

Weitere Kontakte mit wichtigen Zeichnungssammlungen sind bereits angebahnt. Das nächste Ziel, neben dem Aufbau des Datenbanksystems und seiner Graphikkomponenten, ist im Rahmen des ECHO-Projektes die Erfassung und Auswertung des umfangreich erhaltenen Materials zur Fontana di Trevi in Rom – nicht nur Architekturzeichnungen, sondern auch Archivalien, Stiche, Gemälde, historische Stadtpläne. Dieser Beispielfall wird dazu dienen, die volle Potentialität von Lineamenta exemplarisch zu zeigen.

 

Arbeitsgruppe Lineamenta

Wissenschaftliche Leitung:

Prof. Dr. Elisabeth Kieven, Direktorin, Tel. +39-0669993-235, kieven@biblhertz.it

Wissenschaftliche Mitarbeiter:

Dr. Martin Raspe, Tel. +39-0669992-281, raspe@biblhertz.it

Dr. Georg Schelbert, Tel. +39-0669992-292, schelbert@biblhertz.it

Dr. Hermann Schlimme, Tel. +39-0669993-310, schlimme@biblhertz.it

Dott.ssa Susanne Meyer, Tel. +39-0669993-313, meyer@biblhertz.it 

 

Erweiterter Arbeitskreis:

Dr. Michael Eichberg, Tel. +39-0669993-288, eichberg@biblhertz.it

Christoph Glorius M.A., Tel. +39-0669993-418, glorius@biblhertz.it

Dr. Johannes Röll, Tel. +39-0669993-420, roell@biblhertz.it

                    

Informationen: kieven@biblhertz.it / schelbert@biblhertz.itschlimme@biblhertz.it

 

 

Bildnachweis:

Abb. 1 u. 2 - Filippo Juvarra, Palazzo Reale in Villa, Concorso Clementino 1705.

Rom, Accademia di San Luca, 141.

Abb. 3 - Filippo Juvarra, Palazzo Reale in Villa, Concorso Clementino 1705.
Berlin, Kunstbibliothek, Hdz. 1151.