Gegenwartsfabrik Ausstellung. Rom in der Nachkriegszeit

Forschungsbericht (importiert) 2018 - Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte

Autoren
Bremer, Maria
Abteilungen
Bibliotheca Hertziana - Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom, Abteilung II (Prof. Dr. Tristan Weddigen)
DOI
Zusammenfassung
Das Projekt untersucht anhand des römischen Kontexts der Nachkriegszeit das Potenzial von Ausstellungen, die Geschichte der Gegenwart zu schreiben. Mit den expositorischen Gegenwartskonzepten aus dieser Zeit greife ich frühe ortsspezifische Lesarten des Zeitgenössischen auf. Diese sollen Alternativen zum heutigen einseitigen Verständnis des Begriffs bieten, das ihn als Effekt globaler Ökonomien deutet.

Gegenwart ausstellen

Abb. 1: Contemporanea, 1973, Ausstellungsplakat, Foto von Massimo Piersanti

Am 29. November 1973 eröffnete in der Tiefgarage der Villa Borghese in Rom eine breit gefächerte Retrospektive, die auf zehntausend Quadratmetern Positionen aus den Bereichen bildende Kunst, Architektur, Design, Film, Künstlerbücher und -schallplatten, Fotografie, Performance, visuelle Poesie, alternative Information, Theater, Urbanistik und Tanz versammelte (Abb. 1). Der Titel der Ausstellung, Contemporanea (1973–1955), hatte sich gegen den Arbeitstitel Mostra internazionale dell’arte dell’avanguardia (1963–1973) durchgesetzt. Offensichtlich hatte der Avantgarde-Begriff zu Beginn der 1970er-Jahre etwas von seiner Anziehungskraft verloren und war durch eine neue, noch zu präzisierende Kategorie ausgewechselt worden: Das feminine Adjektiv ‚contemporanea‘ [zeitgenössische; gleichzeitige; gegenwärtige] ließ sowohl seinen Bezug offen als auch eine Substantivierung zu. Zusätzlich zu dieser Neuerung wurde die erfasste Zeitspanne erweitert und ihre Pole wurden verkehrt. Die Ausstellung reichte von 1973 bis 1955 und nicht andersherum. So fasste sie die (Kunst-)Geschichte dezidiert von der Gegenwart aus in den Blick – und grub sich durch die Ortswahl zudem ganz buchstäblich in die historischen Ablagerungen Roms ein. Denn wer die Ausstellung begehen wollte, musste in den Untergrund hinabsteigen und gelangte in einen riesigen labyrinthischen Raum. In der brutalistischen Garage machten blickdurchlässige Metallzäune die Anwesenheit von nicht gleichzeitig erschließbaren Exponaten und Ereignissen – von Kunst- bis Protestbewegungen – sichtbar (Abb. 2). Dem räumlichen Kontextwechsel entsprach ein inhaltliches Ausgreifen in die tagespolitische Situation der 1970er-Jahre; die Ausstellung übersetzte ihre Gegenwart in einen spezifischen Erfahrungsraum.

Das römische Beispiel Contemporanea zeigt deutlich, dass das, was sich als zeitgenössisch etabliert, nicht gegeben ist, sondern erst als solches inszeniert werden muss. Weil Ausstellungen Veröffentlichungsformate sind, die ihre Exponate stets in diskursive und soziale Zusammenhänge zugleich einbetten, sind sie für diese Aufgabe besonders geeignet. Die aktive Rolle, die sie im Geflecht historiografischer Prozesse einnehmen können, ist jedoch bislang unzureichend erforscht. Indem sich das junge Fach der Ausstellungsgeschichte hauptsächlich darauf konzentriert, einen Kanon innovativer Fallstudien auszubilden, unterlässt es dabei, die Arten und Weisen zu untersuchen, auf die mit Ausstellungen Geschichte gemacht und geschrieben wird. Genau diese Frage ist für mein Projekt leitend. Ausgehend von römischen Beispielen aus der späten Nachkriegszeit untersuche ich Ausstellungen als privilegierte Instanzen, um Gegenwartskonzepte und -effekte herzustellen. Wie tragen Ausstellungen zur Konstruktion der Geschichte der Gegenwart bei?

Von der Moderne zum Zeitgenössischen

Die Frage der Gegenwartskonstruktion an das Ausstellungsmedium zu richten, ist insbesondere für die Nachkriegszeit sinnvoll, weil sich Ausstellungspraktiken zu diesem Zeitpunkt qualitativ veränderten: Es wurden nicht mehr so häufig Objekte für die Kontemplation stillgelegt, man experimentierte hingegen vermehrt mit performativen und aktivierenden Formaten. Wie auch in der Kunstproduktion, ging es beim Ausstellen zunehmend darum, über die Kunstgeschichte hinaus Position zur tagesaktuellen Gegenwart zu beziehen. Dieser Gegenwartsfokus spiegelt sich parallel zur Ausstellungspraxis auch in der Substantivierung des „Zeitgenössischen“ in der akademischen Forschung. Vor allem in seiner englischen Variante wird das Zeitgenössische als „Contemporary“ heute zum Periodisierungsbegriff, zum Diskurs oder sogar zur Methode. Erstaunlich daran ist die relative Uniformität bisheriger Deutungen: Globale Perspektiven schreiben das Zeitgenössische als entwurzelten Zustand fest, der geprägt sei von neoliberalen Prämissen – von Globalisierungs- bis hin zu Digitalisierungsbewegungen.

Mein Projekt verfolgt hingegen die Absicht, einer solchen totalisierenden Sicht auf das Zeitgenössische entgegenzuwirken, indem es der Gegenwartskonstruktion während der Nachkriegszeit gezielt im Ausstellungsmedium nachgeht. Ausstellungen regten das Umschlagen der Moderne in die Postmoderne, der Avantgarde in die zeitgenössische Kunst an. Beispiele wie Contemporanea sollen zeigen, dass die Spannbreite der frühen expositorischen Konzepte des Zeitgenössischen bislang durch das Raster des monolithischen Diskurses um das „Contemporary“ gefallen ist.

Abb. 2: Contemporanea, 1973, Ausstellungsansicht, Foto von Massimo Piersanti

Standort Rom

Das städtische Gefüge Roms als unverwechselbarer Palimpsest historischer Abläufe drängte stets dazu, Gegenwartsvorstellungen an den Parametern des Geschichts- und Ortsbezugs zu prüfen. Hier müssen sich neue Konzepte des Zeitgenössischen stets mit einer besonders präsenten Vergangenheit auseinandersetzen. Mit der Fokussierung auf den römischen Kontext der späten Nachkriegszeit, der in der englischsprachigen und deutschen Forschung lange vernachlässigt wurde, möchte ich die historische und räumliche Gebundenheit von Gegenwartskonzepten jenseits ihrer Reduktion auf Neoliberalisierungseffekte hervorheben. Ausstellungen sind als öffentlichkeitswirksame, raum- und zeitbasierte Medien in besonderem Maß auf die Auseinandersetzung mit den Bedingungen ihres Orts angewiesen. Mein Projekt sieht zur Untersuchung expositorischer Gegenwartskonzepte und ihrer Fremdbestimmtheit einen Querschnitt durch verschiedene Ausstellungstypologien unterschiedlicher institutioneller Natur vor, zum Beispiel interdisziplinäre Retrospektiven, monografische und Einweihungsausstellungen oder Neupräsentationen von Sammlungen. Um die Forschungsfrage zu beantworten, werde ich vor Ort umfassend nach materiellen und mündlichen Spuren der temporären Ereignisse fahnden. Die optimierten Infrastrukturen digitaler Forschung an der Bibliotheca Hertziana eröffnen neue Möglichkeiten der Sicherung und Nutzung des archivarischen Materials.

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