Ein Jugendbildnis im Homer: Piero de' Medici oder Alessandro Farnese?

Dr. Lothar Sickel

Ein auf Pergament gedrucktes Prachtexemplar der 1488 in Florenz publizierten Werke Homers, das in der Nationalbibliothek in Neapel bewahrt wird, enthält außer diversen Miniaturen im Innenteil auch ein großformatiges Bildnis eines jungen Mannes. Es wurde dem Band zusätzlich eingefügt und bildet den Frontispiz zur ersten Seite des gedruckten Textes, auf der sich die Widmung des Verlegers Nerli an den damals knapp 17-jährigen Piero de' Medici, den Sohn Lorenzo des Prächtigen, befindet. Seit dem späten 19. Jahrhundert wird das Bildnis deshalb als Darstellung des jungen Medici gedeutet. Andererseits ist gesichert, dass der Band früh in den Besitz der Familie Farnese gelangt war. Im Innenteil zeigen mehrere Miniaturen deren Wappen. Einer älteren Tradition folgend galt das Porträt in Neapel noch 1863 als Jugendbildnis des 1468 geborenen Alessandro Farnese, später Papst Paul III., der von 1486 bis 1489 in Florenz gelebt hatte. Es lässt sich nachweisen, dass jene Deutung im engen Umfeld der Familie Farnese spätestens 1568 etabliert war, nur wenige Jahre nach dem Tod Pauls III. im November 1549. Der Umstand, dass das Bildnis schon im 16. Jahrhundert oftmals kopiert wurde, ist als Ausdruck des Gedenkens an den Farnese-Papst zu werten. Anders als es die neuere Forschung annimmt, nehmen zumindest die Kopien nicht auf Piero de' Medici Bezug. Das ursprüngliche Verständnis des Porträts in Neapel ist entsprechend neu zu hinterfragen. Zeigte es zunächst Piero de' Medici und wurde später von den Farnese vorsätzlich umgedeutet oder hatte es tatsächlich der junge Alessandro Farnese zur Erinnerung an seinen Aufenthalt in Florenz anfertigen lassen? Der komplizierte Fall verweist idealtypisch auf die generellen methodischen Probleme in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit frühneuzeitlichen Bildnissen.

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