Nationenbegriff und kollektive Identität landsmannschaftlicher Gemeinschaften im Rom der Frühen Neuzeit

Dr. Susanne Kubersky-Piredda

In aktuellen Mediendebatten taucht der Begriff nationale Identität mit großer Regelmäßigkeit auf, wenn es um das schwierige Zusammenwachsen der europäischen Staatengemeinschaft oder um die kritische Auseinandersetzung mit Globalisierungsprozessen geht. Vielfach ist die Befürchtung geäußert worden, die Erstellung eines europäischen Wertekanons oder die Bildung einer gemeinsamen europäischen Kultur gehe unweigerlich mit einer Aushöhlung der individuellen nationalen Identitäten einher. Ebenso werden die wachsende Mobilität und die Vernetzung im medialen Zeitalter immer wieder mit Schlagwörtern wie Werterelativismus und Einheitskultur, und damit mit dem Verlust nationaler Eigenarten in Verbindung gebracht.

Das Nachdenken über Fragen der nationalen Identität setzt eine Auseinandersetzung mit den Begriffen Nation und Nationalismus voraus, wie sie Historiker, Soziologen, Politologen und Anthropologen in einer langen Reihe von wissenschaftlichen Studien angestrebt haben. Das Verständnis der Nation als politisches Kollektiv und die damit einhergehende Verbindung der Begriffe Nation und Staat sind vornehmlich moderne Phänomene, ebenso wie die Manifestationen des Nationalismus als politischer Ideologie in Europa erst ab dem späten 18. Jahrhundert zu finden sind. Der Begriff der Nation als Gemeinschaft von Menschen, die eine Anzahl von kulturellen Merkmalen wie Sprache, Sitten, Bräuche, Traditionen miteinander teilen, lässt sich hingegen bis in die Antike zurückverfolgen. Im Mittelalter fand der Terminus im universitären und merkantilen Bereich Anwendung; die "nationes" bezeichneten Gruppen von Personen, die über eine gemeinsame territoriale Herkunft miteinander verbunden waren. Spätestens seit dem Zeitalter der Konfessionalisierung sind religiöse und politische Aspekte wichtige identitätsbildende Kriterien nationaler Gemeinschaften. Die Studie untersucht den frühneuzeitlichen Nationenbegriff am Beispiel der spanischen, französischen und deutschen Kirchen in Rom. Ausgehend von Anthony Smiths Definition von Nation als "a named and self-defining human community, whose members cultivate shared myths, memories, symbols, values, and traditions (…)" werden Gründungsmythen, kollektive Erinnerung, Symbole und gemeinschaftliche Rituale der landsmannschaftlichen Gemeinschaften und ihre künstlerischen Ausdrucksformen einer vergleichenden Untersuchung unterzogen.

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