Die theologia duplex der Agrumen in der Frühen Neuzeit. Goldene Früchte bei Giovanni Pontano und Andrea Mantegna

Katharina Bedenbender, M.A.

Das Forschungsprojekt nimmt seinen Ausgang bei Giovanni Pontanos Traktat über die Geschichte und Kultivierung von Agrumen De hortis Hesperidum sive de cultu citriorum (1503 posthum erschienen) und setzt es in Beziehung zu den künstlerischen, botanischen und philologischen Reflexionen über Zitrusfrüchte in den Jahren zwischen 1450 und 1580 circa.

Die besonderen Eigenschaften von Agrumen wurden schon in der Antike geschätzt: ihre immergrünen Blätter sowie die Gleichzeitigkeit von Blüten und Früchten zu allen Jahreszeiten. Vergil verglich sie mit dem Lorbeer, von dem sie sich nur durch ihren Duft unterschieden. Im antiken Griechenland galten die mythischen Äpfel der Hesperiden spätestens ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. als Agrumen und wurden ab dem 1. nachchristlichen Jahrhundert auch in Sizilien und Neapel kultiviert und mit den goldenen Äpfeln verglichen. Durch das jüdische Laubhüttenfest fanden sie rasche Verbreitung im gesamten Mittelmeerraum (und darüber hinaus) und wurden ab dem 13. Jahrhundert in christlichen Quellen mit dem pomum adami, der Frucht vom paradiesischen Baum der Erkenntnis, verglichen. Für die Autoren und Künstler der Renaissance gerieten die immergrünen agrumi zu jenen wundersamen Bäumen, die bereits von Homer (Garten des Alkinoos) besungen worden waren. Der Vergleich der Zitrusfrüchte mit den Hesperischen Äpfeln sollte sich in der Frühen Neuzeit jedoch erst mit Giovanni Pontano durchsetzen, der sich vom klassischen Mythos abwandte und ihn in ein aition verwandelte. Wie Hesiod, Vergil und Petrarca war auch Pontano passionierter Gärtner und züchtete ab 1472 Orangenbäume am Golf von Neapel. In De hortis Hesperidum liefert er nicht nur einen neuen Mythos in neulateinischen Versen, sondern schildert detailliert spezifische Kultivierungstechniken von Obst-, insbesondere von Zitrusbäumen. Botanikgeschichte, Agrikulturwissenschaft, Altphilologie und Poesie fallen in diesem schwer zu definierenden Werk zusammen. Pontano zufolge ist die Orange, und nicht länger der Lorbeer, der nobelste aller Bäume und der Venus heilig; durch diese Herausforderung des Supremats der Antike suchte der neapolitanische Humanist die Agrumen als Symbol eines neuen Zeitalters zu etablieren, wobei er an anderer Stelle Bezug nahm auf die jüngsten Entdeckungsreisen Vasco da Gamas, durch dessen Crew in den 1490er Jahren neue Agrumensorten als Topfpflanzen nach Europa importiert wurden.

Das Forschungsprojekt möchte ausgehend von diesem in Versform verfassten Traktat die Rolle der Agrumen um 1500 in der Kunst und humanistischen Kultur Italiens untersuchen und sich zunächst Andrea Mantegna im Umfeld seiner oberitalienischen Zeitgenossen zuwenden, in deren Œuvre sich eine bemerkenswert dichte Vielfalt an unterschiedlichsten, geradezu programmatisch in Szene gesetzten Agrumendarstellungen findet.

Go to Editor View