Ästhetik des Materials und der Arbeit in der frühneuzeitlichen Architektur

Das Forschungsprojekt untersucht die Darstellung von Materialien und Bauprozessen als Bildquellen in der Architektur der Frühen Neuzeit.

In der Frühen Neuzeit, insbesondere seit dem 14. Jahrhundert, gewann die Darstellung von Architektur in der Malerei zunehmend an Bedeutung und präzisierte sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte durch die Einbindung von Gebäuden und städtischen Kontexten: von den symbolischen Evokationen mittelalterlicher Freskenzyklen Mittelitaliens hin zur Untersuchung messbarer Räume im Zuge der Entwicklung perspektivischer Techniken. Auf dem langen und nicht immer geradlinigen Weg zur Etablierung der modernen Wissenschaft erhielt die auf Geometrie und Berechnung beruhende Darstellung unmittelbare Unterstützung durch optische Studien, die auf das Zeichnen angewandt wurden. Diese vorwiegend theoretisch ausgerichteten Untersuchungen berühren die wissenschaftliche Forschung zur Beschaffenheit des Lichts nur am Rande und ordnen sich dem weiteren Feld der Optik und der Lehre des sichtbaren Spektrums zu, das insbesondere seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die fortschrittlichsten Hypothesen über die Natur der Materie begleitet. Die Erfindung der Fotografie bildet nicht nur einen Höhepunkt der Bestrebungen einer von der perspektivischen Konstruktion des Raumes geprägten Epoche, sondern ist zugleich das Resultat einer spezifischen Auffassung der Materialbeschaffenheit, die aus den chemischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts hervorgegangen ist.

Parallel zur Etablierung neuer Darstellungsweisen des Raums lässt sich eine zunehmende Verbreitung der grafischen und malerischen Wiedergabe der physikalischen Eigenschaften von Baumaterialien feststellen, sowohl in der gemalten als auch in der gebauten Architektur – in ersterer durch grafisch-farbliche Imitationen, in letzterer durch den Einsatz von Ersatzmaterialien in der Baupraxis.

Die Darstellung des architektonischen Raums mittels Geometrie und Berechnung folgt somit einem Entwicklungsweg, der parallel zur Wiedergabe der physikalischen Eigenschaften der Materie verläuft. Die Ikonologie der Baumaterialien, die erst in jüngerer Zeit Gegenstand spezifischer Studien geworden ist, scheint daher mit den Entwicklungen einer abstrakten wissenschaftlichen Rationalität verknüpft zu sein.

Im selben Zeitraum gewinnt das Bild der Baustelle zunehmend an Bedeutung: als feierliche Darstellung des Beginns eines Bauvorhabens, als Versprechen seiner Vollendung oder auch lediglich als Erinnerung an das Bestehende. Eine deutliche Parallele findet sich dabei in der Darstellung der Ruine als Sinnbild des Verfallsprozesses. Die Darstellung von Unvollständigkeit und architektonischem Unvollendetem rückt somit die Architektur in ihrem geschichtlichen Werden in den Vordergrund und macht zugleich die Arbeit am Bau sichtbar.

Die Sichtbarmachung von Architektur im Wandel relativiert damit das Streben nach formaler Perfektion, das die mit dem Humanismus verbundene Vorstellungswelt prägt, und schwächt zugleich die Annahme ab, der Wert und die Bedeutung von Materialien ließen sich ausschließlich aus ihren intrinsischen physikalischen Eigenschaften ableiten, indem sie den Fokus auf die zu ihrer Umwandlung erforderliche Arbeit legt.

Das vorliegende Forschungsprojekt geht daher der Frage nach, inwiefern Darstellungen von Materialien und Bauprozessen als Bildquellen fungieren und in welcher Weise sie – ebenso wie die Antike und die Geometrie – eine wichtige Inspirationsquelle für die Entwicklung der Architektur der Moderne bilden.

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