Stellenangebot vom 14. Mai 2026
Internationale Tagung
Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Rom
4.–5. Februar 2027
Für das Italien des 19. Jahrhunderts war das Mittelalter nicht nur eine historische Epoche. In seinen verschiedenen Ausprägungen diente es auch als symbolisch aufgeladene Projektionsfläche für die Ideale des Risorgimento, und als Epoche, in der man nach der Einigung von 1861 die Wurzeln einer neuen, noch zu bildenden nationalen Tradition suchte. Das Mittelalter erlebte auch in anderen europäischen Nationen eine identitätspolitische Wiederentdeckung und Aufwertung. In Italien jedoch nahm dieser Prozess eine besonders vielfältige Gestalt an, bedingt durch die geopolitische Zersplitterung der Halbinsel und die Unterschiedlichkeit ihrer regionalen Kunstsprachen.
Die Tagung möchte untersuchen, wie verschiedene künstlerischen Konzepte von „Mittelalter“ entdeckt, neu erfunden und in den Dienst der nationalen Identitätskonstruktion gestellt wurden. Dabei soll dem Doppelleben der Artefakte nachgegangen werden, die zum einen als Werkzeuge risorgimentaler Rhetorik und zum anderen als Untersuchungsgegenstände der entstehenden Kunstgeschichte dienen. Ziel ist es, die heterogene künstlerische Produktion der Mittelalterrezeption des 19. Jahrhunderts mit den mittelalterlichen Werken in Dialog treten zu lassen, um dadurch jenen historischen Moment zu beleuchten, in dem deren Wechselwirkung dazu beitgetragen hat, das Bild der neuen Nation zu prägen.
Während die Mittelalterrezeption der Architektur des 19. Jahrhunderts bereits systematisch erforscht wurde, sind Malerei, Skulptur, Goldschmiedekunst, angewandte Künste bzw. Objektkünste, Fotografie und darstellende Künste im Hinblick auf die Identitätsfrage noch nicht vergleichend und einheitlich analysiert worden: diese Lücke möchte die Tagung schließen. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von den 1830er Jahren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, als dieses Erbe, durch die Institutionalisierung der Kunstgeschichte als Disziplin, einer expliziten politischen Konnotation enthoben und zum Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung und denkmalpflegerischen Schutzes wurde.
Leitfragen:
• Wie konnte in Abwesenheit eines Einheitsstaates die Vorstellung einer in nationalen und bisweilen nationalistischen Begriffen gefassten italienischen mittelalterlichen Kunst entstehen?
• In welchem Verhältnis stehen das Mittelalter der Gelehrten, das der Künstler und das der Rhetorik des Risorgimento zueinander?
• Wann, wie und warum wurden die regionalen Mittelalterbilder – etwa das sizilianische, neapolitanische, apulische, lombardische oder toskanische –zu nationalem Symbolkapital?
• Wie, wann und warum übernimmt die Kunstgeschichte als Disziplin diese Rolle und entzieht mittelalterlichen Objekte zunehmend ihrer ideologisch-politischen Funktion?
• Die Tagung möchte darüber hinaus eine kritische Reflexion über die gebräuchliche Terminologie anstoßen: Welche Relevanz haben die englischen Begriffe „medievalism“, „medieval revival“ und „neomedievalism“ bzw. der deutsche Begriff „Mittelalterrezeption“ für die italienischen bildenden Künste?
Thematische Schwerpunkte:
1. Rezeptionsgeschichte mittelalterlicher Objekte: Selektion, Analyse und Verwendung mittelalterlicher Kunst im 19. Jahrhundert im Prozess der Herausbildung nationaler Vorstellungen.
2. Ausstellungen und Institutionen: Orte und Mittel, durch die das Mittelalter zum Kollektivgut wurde und sich von einem politischen Instrument in einen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung verwandelte.
3. Die Mittelalterrezeption in der Kunstproduktion: Künste des 19. Jahrhunderts, die das Mittelalter als formales, ikonografisches und narratives Repertoire in den Dienst einer zu konstruierenden nationalen Identität stellen.
Einreichung:
Willkommen sind Vorschläge für 20-minütige Vorträge auf Italienisch, Englisch oder Deutsch zu Fallstudien, die methodologische Fragen aufwerfen und offene Probleme angehen. Das Tagungsprogramm sieht ausreichend Raum für Diskussionen vor und richtet sich an Wissenschaftler*innen jeder Karrierestufe.
Wir bitten um Zusendung eines Abstracts des geplanten Vortrags (max. 500 Wörter) sowie eines kurzen akademischen Lebenslaufs (max. 300 Wörter), die als PDF bis zum 30. Juni 2026 über folgenden Link hochzuladen sind: https://recruitment.biblhertz.it. Die Auswahl wird bis zum 30. September 2026 bekanntgegeben. Reise- und Unterkunftskosten werden bis zu einer Höchstgrenze erstattet.
Organisation: Tanja Michalsky, Damiana Di Bonito, Alberto Pirro