Antonio Tempesta, Pianta di Roma, 1606, Detail

Inter-Nationales Rom  

Topographie der kollektiven Identitäten in der Via Giulia

Mit dem Bau der Via Giulia ab 1508 im Auftrag Papst Julius' II. und nach Entwürfen Donato Bramantes sollte eine Verbindungsachse zwischen dem Vatikan und den wichtigsten städtischen Verwaltungsgebäuden geschaffen werden. Zu den weiteren Funktionen der neuen Straße gehörte die Leitung und Unterbringung von Pilgern, die Rom besonders anlässlich der Heiligen Jahre zu Hunderten überfluteten. Aus diesem Grund siedelten sich an der Via Giulia und in den angrenzenden Straßen zahlreiche von Fremdengemeinschaften geführte Hospize, Oratorien und Kirchen an, darunter diejenigen der Florentiner, Sienesen, Neapolitaner, Bologneser, Brescianer, Katalanen oder Engländer.

Via Giulia 2020
Aufbauend auf dem grundlegenden Buch von Salerno, Spezzaferro und Tafuri (1973) nimmt dieses Forschungsprojekt die sozialen und performativen Aspekte in den Blick, die sich aus der Koexistenz der vielen landsmannschaftlichen Institutionen ergaben, sowie deren Einfluss auf die visuelle Kultur der Zeit. Die religiösen, politischen und karitativen Implikationen der Gestaltung und Beanspruchung urbanen Raumes durch die Nationen sollen am Beispiel des spezifischen und eng umrissenen topographischen Kontextes der Via Giulia untersucht werden. Die eingehende Analyse von Personen und Netzwerken soll zudem Aufschluss über die Verwaltungsstrukturen der karitativen landsmannschaftlichen Einrichtungen geben, aber auch über ihre Interaktion mit anderen Institutionen innerhalb und außerhalb Roms.

Carlotta Paltrinieri untersucht die florentinische Gemeinschaft für eine Fallstudie zu Netzwerken und Informationstransfer. Insbesondere wird sie Beziehungen zwischen der nazione fiorentina, der römischen Accademia di San Luca und der florentinischen Accademia del Disegno analysieren und deren potentiellen Einfluss auf die künstlerische Gestaltung der Kirche San Giovanni dei Fiorentini herausstellen.

Lilla Mátyók-Engel untersucht die ephemeren Artefakte der sienesischen Nationalbruderschaft – Banner, Totenbahren, Kerzen, Kruzifixe, Gemälde, Skulpturen –, die während Prozessionen und Festivitäten in der Via Giulia und deren Umgebung zur Schau gestellt wurden. Diese beweglichen Objekte stärkten einerseits das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Mitgliedern der Gemeinschaft, gleichzeitig wurden sie als Repräsentationsobjekte der Bruderschaft mit den Augen des externen Publikums, insbesondere denen der anderen Nationen, gesehen. Die materielle Kultur war insofern für die Herausformung der kollektiven Identität der Sienesen von großer Bedeutung.
Wissenschaftler*innen, die sich ebenfalls mit den Fremdengemeinschaften und den Nationalkirchen der Via Giulia beschäftigen, sind herzlich eingeladen, mit uns ins Dialog zu treten.  

Publikationen

Giuseppe Bonaccorso, "La chiesa dei Ss. Faustino e Giovita dei Bresciani a Roma. La storia dell’area del palazzo dei Tribunali tra contese e progetti: da Bramante a Carlo Fontana", RIHA Journal 0239, in Constructing Nationhood in Early Modern Rome, hg. v. Susanne Kubersky-Piredda u. Tobias Daniels, Special Issue RIHA Journal, 0237–0243 (2020).

Maurizia Cicconi, "E il papa cambiò strada. Giulio II e Roma. Un nuovo documento sulla fondazione di via Giulia", Römisches Jahrbuch der Bibliotheca Hertziana, 41 (2013/14) [2017], S. 227–259.

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